Akademische Reitkunst

Was ist akademische Reitkunst?
Ein kurzer Überblick:

“Die Dressur ist für das Pferd da, nicht das Pferd für die Dressur!”

Die Reitkunst ist ein Reitsystem für Pferde, das über längere Zeiträume bewährte Prinzipien der Pferdeausbildung zu einem Kanon zusammenfasst und in seiner verfeinerten Ausprägung einen künstlerischen bzw. kunsthandwerklichen Anspruch an den Ausdruck des Pferdes hat.

Wichtige Grundsätze der Reitkunst sind die freiwillige Mitarbeit des Pferdes und ein Muskeltraining, das das Pferd in die Lage versetzt, das Gewicht des Reiters in allen Lektionen ohne Schaden an Leib und Seele ein Leben lang tragen zu können. Hierzu wird der Schwung des Pferdes – seine muskuläre Fähigkeit zur Bewegung – gefördert und die Gewichtsverteilung durch Absenkung der Kruppe (Hankenbeugung) und Aufrichtung des Halses mehr auf die Hinterbeine verlegt. Die Reiter, die Reiterin werden angehalten, stets über ihren Umgang mit dem Pferd nachzudenken und an sich selbst zu arbeiten; Fehler werden erst beim Reiter und nicht beim Pferd gesucht.
Im Unterschied zur Gebrauchs-Militärreiterei (jedoch wieder in Übereinstimmung mit der aus dieser abgeleiteten Turnierreiterei nach den Richtlinien der FN) wird großer Wert auf feine Einwirkung, eine weichstmögliche, stets zum Nachgeben bereite Hand („Pfötchen, nicht Pfote“ nach Egon von Neindorff) und unsichtbare Hilfengebung aus dem korrekten Sitz heraus gelegt.BBhugin1[1]

Das vorwärts-abwärts suchende Pferd sollte durch gymnastizierende Übungen geschult werden, das Hinterbein unter seinen Schwerpunkt zu führen. Dadurch wird die Tragkraft der Hinterbeine ausgebildet Das vorwärts abwärts suchende Pferd sollte durch gymnastizierende Übungen geschult werden, das Hinterbein unter seinen Schwerpunkt zu führen. Dadurch wird die Tragkraft der Hinterbeine ausgebildet.

Das Pferd besitzt von Natur aus die Fähigkeit der Schubkraft, nicht aber die der Tragkraft. Erst wenn ich ein durchlässiges und losgelassenes Pferd habe, darf ich mich um das Tempo, danach um den Takt und erst ganz am Ende der Ausbildung um den Schwung kümmern.

Durchlässig ist ein Pferd, wenn die Hinterbeine nach vorn schwingen, und nicht nach hinten (von der Hand weg). Ein losgelassenes Pferd arbeitet allein innerhalb seiner Formgebung, ohne dass ich jeden Tritt heraus treiben muss. Erst mit diesen wichtigen Voraussetzungen kommt das Tempo hinzu, so kann ich es mal zum Abwärts gehen formen, wobei sich das Pferd dehnt und dabei die Schritte verlängert in eine Verstärkung oder man kann es aufwärts formen, wobei es sich zusammenstellt und die Schritte verkürzt zur Versammlung. Erst dann kommt der Takt, verstärkende Übungen benötigen einen niedrigen Takt, versammelnde Übungen einen hohen. Und der Schwung, der wird leider zu oft mit Spannung verwechselt und ist für die Pferde nachteilig, da Spannung die Muskulatur, Sehnen und Gelenke schädigt. Schwung referiert nur zu den natürlichen Schwingungen der Wirbelsäule. Und jede Bewegung sollte von der Tätigkeit der Wirbelsäule leben!!

In der Akademischen Reitkunst, vereinen wir altehrwürdige Ideale im Bereich des Wohlergehens und Trainings des Pferdes, mit modernen Gedanken.

Der Begriff Akademische Reitkunst, bezieht sich auf die historischen Reitakademien, die während der Renaissance überall in Europa erblühten, um ihren Schüler künstlerische, geistige und körperliche Ausbildung anzubieten. Diese Schule der Akademischen Reitkunst und ihre Philosophie neu zu beleben und mit modernem Gedankengut zu kombinieren, ist das Anliegen von Bent Branderup, die davon, egal aus welcher Sparte der Reiterei sie kommen, davon profitieren.Hanna Engström

Seminare Akademische Reitkunst:

Seminare mit folgenden Ausbildern:

Praktische Einführung in die Akademische Reitkunst anhand eines Seminars mit Bent Branderup Mai 2011

Was ist die Akademische Reitkunst?

SEMINAR MIT BENT BRANDERUP 7.-8.5. 2011 IM ODENWALD

In der Reiterei befinden wir uns heutzutage in einer Situation, die es in der Form noch nie gegeben hat: ganz häufig sind unausgebildete Reiter die Ausbilder unausgebildeter Pferde.

Früher waren die Pferde ausgebildet und die Reiter unausgebildet oder umgekehrt.

Die Situation, die wir heute erleben ist einmalig in der Geschichte der Reiterei.

Von daher ist es die Intention von Bent Branderup, Lehrer auszubilden, die dann auch ihre Pferde ausbilden können.

DAS PFERD GYMNASTIZIEREN, UM DEN REITER ZU TRAGEN

Nach Bent Branderup ist das Pferd von Natur aus nicht dazu gedacht einen Reiter, eine Reiterin zu tragen. Es muss erst entsprechend gymnastiziert werden, damit es in der Lage ist, dies zu tun.

Diese Ausbildung wird in verschiedenen Stufen vollzogen, die aufeinander folgen: Longen- und Handarbeit, gezielte gymnastizierende Arbeit unter dem Sattel.

Die Basis beginnt mit der Hand- und Longenarbeit (siehe auch Seminare mit Corinna Schubert auf Hof Herrenberg).

DAS VORWÄRTS-ABWÄRTS

Hierbei setzt man voraus, dass sich das Pferd gemäß seiner Haltung auf der Weide immer nach vorwärts-abwärts strecken möchte und auch kann. Es gibt kein Pferd, das das nicht kann, denn sonst würde es verhungern.

Neben dem Genick befindet sich der Atlasflügel. Vor dem Atlasflügel ist die Ohrspeicheldrüse.

Diese produziert 15 Liter Speichel am Tag. Der Speichel des Pferdes ist das Gleitmittel für die Verdauung. Im Normalfall fressen Pferde 12-14 Stunden am Tag.

Wird die Funktion der Ohrspeicheldrüse durch eine falsche Reitweise unterbunden, werden die Ohrspeicheldrüsen vergrößert und es kommt zu Verstopfungskoliken.

Von daher ist es wichtig, dass durch das Reiten die Biofunktion des Schluckens von Speichel erhalten bleibt.

Eine relative Aufrichtung ist dennoch notwendig. Diese erfolgt gemäß der Tätigkeit der Hinterhand. Der Hals wird dabei aufgerichtet und die Schulterfreiheit gewährleistet.

Hinzu kommen Stellung und Biegung.

In der Praxis sieht das so aus, dass man von unten überprüft, ob sich das Pferd löst, hierzu wird es leicht zur Seite gebogen und gestellt.

Man stellt sich vor dem Aufsteigen vor das Pferd, biegt es am Kappzaum* oder an der Trense leicht nach beiden Seiten. Hierdurch geht die Hüfte nach vorne innen, der Brustkorb nach unten.

DAS VORWÄRTS-ABWÄRTS VOM PFERD AUS

Sitzt der Reiter auf dem Pferd, überprüft er dies nochmals von oben, bevor er los reitet.

Dann muss der entspannte Reiter versuchen, die Bewegungen mit zu machen.

Er muss den Oberkörper ausbalancieren und den Unterkörper den Bewegungen anzupassen.

Eine der wesentlichen Fragen, die Bent Branderup dann gleich am Anfang stellt, sobald der Reiter, die Reiterin auf dem Pferd sitzt, ist: wann fußt der innere Hinterfuß ab?

So lange ich dies nicht spüre, fange ich nach seiner Auffassung im Grunde noch gar nicht an zu reiten.

Denn genau in diesem Moment muss ich – falls nötig – mit dem inneren Schenkel treiben (bzw. mit dem äußeren, fußt der äußere Hinterfuß ab).

Hierbei sollte ich nach einiger Zeit erreichen, dass ich zwischen die Hilfen gelange. Damit ist gemeint, dass ich die Hilfe nur gebe, wenn sie benötigt wird und nicht permanent eine Hilfe gebe.

Die Hilfe setzt erst dann wieder ein, wenn das Pferd erneut aufmerksam gemacht werden muss.

DER SITZ

Nuno Oliveira behauptete, dass der Sitz ist die Mutter aller Gangarten sei!

Diese Aussage betont die Wichtigkeit des richtigen Sitzens.

Nach Bent Branderup ist der Sitz die Hilfe auf dem Pferd, die man nicht abstellen kann, außer man sitzt nicht mehr auf dem Pferd. So werden in den Kursen von Bent Branderup auch immer wieder kleinste Details des Sitzes verbessert und verfeinert.

Seine Schülerin Hanna Engström** hat in Fortführung seiner Philosophie und aufgrund eigener körperlicher Schwierigkeiten eine Sitzschulung entwickelt, die es auch jenen ermöglicht, einen guten Sitz zu erlangen, die nicht optimal trainiert sind.

Hierbei ist die Bauchatmung sehr wichtig. Diese ist für den Reiter meist schwierig zu erlernen, da er die Tendenz hat sich im Bauch festzuhalten.

Man sollte sich nicht zu weit nach hinten lehnen. Bin ich zu weit nach hinten, ist die Bauchmuskulatur angespannt.

Bei jedem Handwechsel, tritt man in den neuen inneren Steigbügel.
Der Sattel muss bei jedem Handwechsel rübergelegt werden, hierzu muss man eventuell den Gurt länger machen, damit sich der Sattel leichter verlegen lässt. Es ist der Sitz, der den Sattel platziert, nicht der Sattel, der den Sitz platziert.

Die Sitzknochen bewegen sich hierbei nicht über Sattel hinweg, sondern mit der Bewegung.

LAGE DER SCHENKEL

Der äußere Oberschenkel liegt weiter zurück als der innere.

Je weiter das innere Knie nach vorne geht desto, weiter muss das äußere nach hinten gehen.

Wenn beide Knie zu weit vorne sind, dann gibt es den sogenannten Stuhlsitz.

BENT BRANDERUPS FAZIT

Alle Reitweisen sind gut, werden sie richtig angewandt.

Wir haben das Pferd, das wir lieb haben und wir müssen nichts anderes tun, als die Zeit mit diesem Pferd schön zu verbringen.

Der natürliche Rückenschwung des Pferdes stimmt überein mit dem natürlichen Beckenschwung des Menschen. Deshalb kann die Verschmelzung zwischen diesen beiden Wesen erfolgen.

Bent Branderups Unterricht vermittelt auf einfühlsame Weise die altehrwürdige Tradition der Reitkunst, übersetzt auf unsere heutige Zeit.

Sie sei ein Handwerk und er freue sich, wenn er einen seiner Schüler oder eine seiner Schülerinnen einen guten Handwerker, eine gute Handwerkerin nennen könne.

Nach Bent Branderup ist die Reitkunst das Yoga des Abendlandes.

Der Geist muss dabei sein, sonst sei es nur Gymnastik.

Bent Branderup erklärte, dass er durch die Pferde mit den Menschen arbeiten würde.

Das Pferd spiegele den Reiter. Es zeigt genau, was dieser kann und was er nicht kann. Wir müssen uns als Reiter, als Reiterin fragen: können wir die Sprache unserer Pferde verstehen?

Und Bent Branderup erzählt von seinem Lieblingsbild auf dem Sarkophag Alexander des Großen: Alexander würde auf diesem Bild einen Löwen jagen. Die Augen und die Nüstern des Pferdes seien weit aufgerissen, da das Pferd verständlicherweise Angst habe. Dennoch sei ein Ohr des Pferdes auf seinen Reiter ausgerichtet, und ein Ohr nach vorne zum Löwen. Das Pferd sei, trotz der für ihn sehr angsteinflösenden Situation noch mit seiner Aufmerksamkeit bei seinem Reiter. Die Angst sei auf diesem Bild nur im Pferd dargestellt. Alexander der Große sehe so aus, als habe er keinerlei Furcht.

Es muss eine Einheit entstehen: körperlich und geistig, das ist das Ziel der Reiterei.

Reiten ist auch das Bestreben nach Harmonie.

Ein ganz besonders schönes Erlebnis dieser Harmonie kann es sein, auszureiten.

Bent Branderup erzählt, dass er hierzu gerne sein bestes Pferd nimmt, um beim Ausreiten eine wunderbare Zeit zu verbringen.

Wir müssen wieder lernen zu sehen, durch die Augen, durch die Reiterhand.

Die Reitkunst strebt dies gezielt an.

Reitkunst ist eine Kommunikationsform – und man muss sich die Frage stellen, auf welcher Ebene man kommunizieren möchte.

Im Besten Falle wird die Kommunikation zu Yoga, zur Einheit zwischen ReiterIn und Pferd.

Bent Branderup vermittelte die Grundzüge der Akademischen Reitweise für die neuen SchülerInnen und baute und ab und zu ein Leckerli für die alten SchülerInnen ein.

Wie der abschließende Applaus zeigte, war es ihm gelungen, sowohl seine bisherigen SchülerInnen als auch die neuen in Bann zu ziehen.

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*Kappzaum: Der Kappzaum ist eine gebisslose Zäumung, die in erster Linie beim Training mit jungen Pferden und bei der Handarbeit verwendet wird, um die Pferde nicht im Maul abzustumpfen.
**Hanna Engström: Hanna Engström ist Ritterin der Akademischen Reitkunst. Sie hat ein spezielles Sitzprogramm entwickelt, welches hilft, die Beckenbeweglichkeit des Reiters zu schulen. Sie lebt in Gotland (Schweden)und betreibt eine Farm mit 30 Pferden.

Literatur: Bent Branderup, Akademische Reitkunst, Verden 2008

Links: http://www.bentbranderuptrainer.com/   (Trainer nach Bent Branderup) http://www.ekeskogs-ridingacademy.com/ (Hanna Engströms Webseite)

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